Über das Gießen und Vergessen: Warum Freundschaft kein Selbstläufer ist

 Kennt ihr diese Postkarten-Sprüche? „Gute Freunde sind wie Sterne. Du siehst sie nicht immer, aber sie sind immer da.“ Ich mochte den Gedanken früher total. Er gibt einem dieses warme, beruhigende Gefühl, dass im Hintergrund alles läuft. Man muss sich nicht ständig melden, man hat ja das „unsichtbare Band“.

Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin? Oft war dieser Spruch für mich einfach eine verdammt bequeme Ausrede. Eine Ausrede für die anderen.

Wir alle kennen das: Der Alltag schluckt uns komplett. Der Job fordert alles, die Familie braucht Aufmerksamkeit, die To-do-Liste schreibt sich von selbst, und am Abend ist der Akku so leer, dass man nur noch regungslos die Wand anstarren möchte. Man nimmt sich fest vor: „Morgen ruf ich an.“ Und schwupps, sind wieder drei Wochen um.

Aber eine Freundschaft ist eben keine Einbahnstraße. Und sie ist vor allem kein All-inclusive-Urlaub, bei dem man einmal eincheckt und sich dann nur noch bedienen lässt.

Ich habe dieses Verständnis. Für jeden. Aber wenn ich mir meinen Messenger Verlauf so ansehe. Da fällt mir manchmal auf: Kontakte werden seltener, einsilbiger und einseitig im Sinne von nur in eine Seite gerichtet.

Der Moment, in dem das Gleichgewicht kippt

Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass die stillen Momente in einer Freundschaft die gefährlichsten sind. Nicht der große Streit bricht uns das Genick, sondern das schleichende Einschlafen. Man merkt es erst spät, aber irgendwann stellt man sich doch diese Fragen:

  • Wer tippt eigentlich meistens die Nachricht: „Wie geht es Dir?“

  • Sitzen wir zusammen und ich erzähle zwei Stunden lang von meinem Stress, meinen Plänen und meinen Sorgen – und für mein Gegenüber bleiben am Ende noch fünf Minuten vor dem Aufbruch?

  • Höre ich eigentlich noch richtig zu, oder warte ich nur darauf, dass der andere Luft holt, damit ich meinen eigenen Senf dazugeben kann?

Wenn eine Beziehung einseitig wird, fühlt sich das irgendwann nicht mehr nach Heimat an, sondern nach Arbeit. Und zwar nach der Sorte Arbeit, für die man nicht bezahlt wird und die einen innerlich auslaugt.

Die 50/50-Lüge (Und wie es wirklich läuft)

Versteht mich nicht falsch: Eine gute Freundschaft ist keine mathematische Gleichung. Es gibt kein perfektes 50/50-Gleichgewicht. Das Leben läuft in Phasen. Wenn bei einem von uns gerade die Welt untergeht – sei es durch eine Krise, Stress oder einfach pure Erschöpfung –, dann kann dieser Mensch vielleicht gerade nur 10 Prozent geben.

Dann ist es meine Aufgabe, die restlichen 90 Prozent zu tragen. Ohne aufzurechnen. Ohne Erwartungen. Einfach, weil man füreinander da ist.

Das Problem fängt da an, wo diese Schieflage zum Dauerzustand wird. Wo einer immer nur auf der Beifahrerseite sitzt, die Landschaft genießt und sich chauffieren lässt, während der andere lenkt, tankt und die Karte liest. Irgendwann bleibt der Wagen eben ohne Sprit liegen.

Kleine Gesten statt großer Reden

Gute Verbindungen fallen nicht vom Himmel und sie bleiben auch nicht magisch von alleine frisch. Sie brauchen Investment. Und damit meine ich keine riesigen Wochenendtrips oder stundenlangen Telefonate. Oft reicht das Signal: Ich sehe dich. Du bist mir wichtig.

  • Eine kurze Sprachnachricht auf dem Arbeitsweg: „Hey, ich hab gerade an dich gedacht. Hoffe, du hast eine gute Woche. Du musst nicht direkt antworten!“

  • Das Smartphone beim Treffen ganz bewusst tief in die Tasche stecken und das Gesicht des anderen anschauen.

  • Oder auch mal die Größe zu haben, anzurufen und zu sagen: „Du, sorry, ich war die letzten Monate echt ein Geist. Lass uns das ändern.“

Am Ende ist es wie mit einem Garten. Wenn wir ihn nicht gießen, vertrocknet er. Und wir können nicht erwarten, im Sommer saftige Früchte zu ernten, wenn wir im Frühjahr zu faul waren, die Samen zu pflegen.

Es müssen beide Seiten die Ärmel hochkrempeln. Damit aus der Einbahnstraße wieder ein Weg wird, den man gerne zusammen geht.

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